„Ich habe noch eine Rechnung offen mit der Formel 1“
Die emotionale Vergangenheit war von einer großen Hoffnung geprägt: Der Glaube, doch noch einmal zurückkehren zu können in die Rennserie, die er so liebt, jedenfalls war groß bei Mick Schumacher. Inzwischen aber muss der 25-Jährige erkennen, dass seine Karriere in der Formel 1 zunächst einmal beendet ist. Stattdessen sucht er 2025 wie schon im Vorjahr sein Glück in der Langstrecken-Weltmeisterschaft.
Der Sohn des siebenmaligen Formel-1-Weltmeisters Michael Schumacher debütierte 2021 für das Haas-Team in der Königsklasse des Motorsports, hat aber dort bis dato insgesamt den großen Durchbruch nicht hinlegen können. Seine beste Platzierung erzielte er beim Großen Preis von Ungarn, wo er als Zwölfter einlief. Am Saisonende schaffte es Schumacher ohne jeglichen Punktgewinn lediglich auf den 19. Gesamtrang der Weltmeisterschaftswertung.
Im Jahr darauf wurde er vom Ferrari-Team als Ersatzfahrer verpflichtet, blieb aber als Stammpilot bei Haas. Beim Grand Prix von Großbritannien verbuchte der Hochtalentierte seine ersten WM-Zähler und kam als Achter ins Ziel. Beim darauffolgenden Rennen in Österreich langte es sogar zu Rang sechs – das bis heute beste Ergebnis von Schumacher in der Formel 1. Am Ende belegte er in der WM-Wertung den 16. Gesamtplatz.
Im November 2022 gab Haas dennoch bekannt, dass der Vertrag mit Schumacher nicht verlängert wird. Für die Saison 2023 verpflichteten sowohl Mercedes als auch McLaren Schumacher als Ersatzfahrer, zu weiteren Einsätzen kam er aber nicht mehr. Im November des vergangenen Jahres gab Mercedes bekannt, dass Schumacher beschlossen habe, seine Arbeit als Test- und Ersatzfahrer Ende 2024 zu beenden.
WELT: Herr Schumacher, sind Sie ein Träumer oder Realist?
Mick Schumacher (25): Ich träume gerne, aber am Ende bin ich Realist.
WELT: Die Formel-1-Saison startet Anfang März in die neue Saison. Haben Sie schon realisiert, dass Sie erstmals seit 2021 nicht als Stammfahrer oder Reservist Teil davon sind?
Schumacher: Ja, und ich würde lügen, wenn ich sage, dass sich das nicht komisch anfühlt. Es ist ein bisschen so, als wäre ich im falschen Film. Vergangenes Jahr saß ich ein-, zweimal pro Woche im Flugzeug, bin um die Welt gereist. Wenn ich nach Hause kam, habe ich quasi direkt für die nächste Reise gepackt. Jetzt war ich schon mal zwei Wochen am Stück hier und habe gedacht ‚Okay, was mache ich jetzt?‘.
WELT: Und was machen Sie?
Schumacher: Ich kriege mich gut beschäftigt, habe zum Beispiel mit brasilianischem Jiu-Jitsu (Kampfsport; d. Red.) angefangen. In meinem Studio wird eine Version gelehrt, die mehr auf Vollgas, Stärke und Aggression als auf kontrollierte Manöver setzt. Das passt zu mir. Und ganz ohne Job bin ich ja nicht. Die WEC (Langstrecken-WM; d.Red.) ist durchaus anspruchsvoll.
WELT: Sie fahren dieses Jahr Ihre zweite WEC-Saison. Birgt Jiu-Jitsu nicht ein zu großes Verletzungsrisiko?
Schumacher: Theoretisch ja, aber die Trainer wissen das. Ich kriege zum Glück nicht jedes Mal einen Ellenbogen ins Gesicht und teile mehr aus, als ich einstecken muss.
WELT: In Ihrer Formel-1-Zeit mussten Sie deutlich mehr einstecken. Ist das Aus sogar eine Erleichterung?
Schumacher: Nein, weil ich die negative Presse und die Spekulationen um meine Person nie richtig an mich rangelassen habe. Deswegen fühle ich mich nicht befreit, sondern ich habe das Gefühl, dass 2025 eine Chance zur Neuorientierung für mich ist. Es ist gut, dass ich Abstand zur Formel 1 habe.
WELT: Wie weit sind Sie in dem Prozess der Neuorientierung?
Schumacher: Ich habe nach Weihnachten angefangen, mir Gedanken zu machen, welche Optionen ich in Zukunft habe.
WELT: Und?
Schumacher: Es gibt viele Rennserien, die spannend sind.
WELT: Ist auch die Formel 1 Teil Ihrer Gedankenspiele?
Schumacher: Die Formel 1 wird immer ein Teil meines Lebens sein. Ich habe im Alter von elf Jahren beschlossen, dass ich dort fahren möchte. Das ist nach wie vor mein Ziel, diese Rennserie war und ist mein Lebenstraum. Ich habe noch eine Rechnung offen mit der Formel 1 und will mich dort noch einmal beweisen. Aber ich habe erkannt, dass ich in der Vergangenheit zu sehr an Plan A festgehalten habe. Ich hätte mich aber auch damit beschäftigen müssen, wie Plan B und Plan C aussehen. Das habe ich realisiert, und über diese Erkenntnis bin ich froh.
WELT: Wie realistisch ist ein Comeback?
Schumacher: Das liegt leider nicht alleine in meiner Hand, aber ich will mich mit meinen Leistungen in der WEC empfehlen. Ich weiß, dass ich das Zeug dafür habe.
WELT: Sind die 20 Formel-1-Fahrer der Saison 2025 besser als Sie?
Schumacher: Jeder, der in der Formel 1 fährt, hat Talent, keine Frage. Aber wenn ich auf den Grid schaue, habe ich keinen Zweifel daran, dass ich da mithalten könnte. Ich bin nicht schlechter. Es wäre schön, wenn ich noch eine Chance bekomme und das beweisen kann. Einfach, weil ich glaube, dass mich viele falsch abgestempelt haben.
WELT: Inwiefern?
Schumacher: Mein Ruf war eher durch negative öffentliche Kommentare über mich bestimmt und nicht davon, was ich gut kann. Ich hatte das Image des Crash-Piloten.
WELT: Ihr Auto riss bei zwei Unfällen 2022 in zwei Teile.
Schumacher: Stimmt. Aber was dabei nicht beachtet wird, ist, dass unser Auto dafür konzipiert war. Durch fehlende Fixpunkte sah das Design vor, dass es sich bei einem seitlichen Einschlag teilt. Andere Autos hätten das in einem Stück überstanden. Das habe ich damals nicht kommuniziert, weil ich nicht mehr Reibung mit dem Team provozieren wollte.
WELT: Wie meinen Sie das?
Schumacher: Ich war verunsichert, habe mich nicht gewehrt, weil ich scheu war. Aber letzten Endes braucht man Selbstbewusstsein und auch Rückhalt, um zu performen. Ein Beispiel: Wenn Ihnen jemand sagt, dass Sie einen bewaldeten Berg mit Steinen und Baumwurzeln so schnell wie möglich runterlaufen sollen, aber bloß nicht stolpern oder sich etwas brechen dürfen – rennen Sie dann mit Vollgas?
WELT: Vermutlich nicht.
Schumacher: Eben. Wer ans Limit gehen soll, muss testen, wo die Grenze ist.
WELT: Würden Sie sich heute mehr wehren?
Schumacher: Ja. Ich bin als Person gereift und würde nicht mehr so schnell ‚Alles gut‘ sagen, sondern meinen Standpunkt intern kompromissloser vertreten. Diesen Reifeprozess musste ich durchlaufen, um der zu werden, der ich heute bin.
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in BILD AM SONNTAG veröffentlicht.
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