„Muss mich kneifen“ – Eine deutsche Schülerin verblüfft die Weltspitze
Sie ist erst 19 Jahre alt, Schülerin auf einem ganz normalen Gymnasium statt auf einem Sportinternat, und feierte Anfang Februar ihren ersten Weltcupsieg in der Nordischen Kombination. Danach legte Nathalie Armbruster noch mit zwei weiteren Siegen nach – damit reist sie als Weltcupführende zu den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften nach Trondheim (26.2. bis 9.3.). Erstmals verblüfft hatte sie 2023 als WM-Zweite in Planica. Und dennoch: Bei den Olympischen Spielen 2026 in Mailand und Cortina darf sie nur zuschauen.
WELT: Ihr Weg an die Spitze verlief rasant – und Sie sind immer noch sehr jung. Müssen Sie sich manchmal kneifen?
Nathalie Armbruster: Manchmal ist es tatsächlich etwas unwirklich und ich muss mich kneifen. Selbst dann, wenn ich mir Bilder von der WM 2023 ansehe, dabei ist das schon zwei Jahre her. Unfassbar, was in den letzten zwei, drei Jahren passiert ist. Auch die Tage in Seefeld waren voller überwältigender Momente.
WELT: Zuletzt wurden Sie ins ZDF-Sportstudio eingeladen. Ein Ritterschlag.
Armbruster: Ich habe mich auch riesig gefreut und war ziemlich nervös, weil es eine sehr große Ehre ist. Viele Karrieren toller Sportler enden, ohne dass sie im Sportstudio waren.
WELT: Wie leicht ist es, das alles zu verarbeiten und neben der Schule auch zu schaffen?
Armbruster: Vor allem diese Doppelbelastung ist enorm. Da gibt es auch mal Momente, in denen ich zu Hause sitze und ein paar Tränen kullern. Ich frage mich dann, wie ich das schaffen soll mit der Schule, mit den ganzen Klausuren, die ich ja schreiben muss wie alle anderen. Und dann will ich ja noch ordentlich trainieren, weil ich natürlich auch bei den Wettkämpfen gut abschneiden möchte. Manchmal ist das alles sehr viel. Und da bin ich froh, dass ich so ein gutes Umfeld habe, das mir Kraft und Sicherheit gibt.
WELT: Mit Umfeld meinen Sie speziell Ihre Eltern?
Armbruster: Meine Familie, also meine Eltern, meine Oma, mein Freund. Er ist auch Kombinierer – wir können uns also sehr gut in den anderen hineinversetzen.
WELT: Sie sind auf einer ganz normalen Schule. Warum haben Sie sich dagegen entschieden, auf ein Sportinternat zu gehen?
Armbruster: Tatsächlich sagten einige zu mir, es gehe nicht, ich würde nicht weiterkommen, wenn ich nicht auf ein Internat gehe. Ich habe aber immer geantwortet: ‚Nein, ich möchte es ohne Internat schaffen. Meine Familie, mein Zuhause – das ist mein Rückzugsort, mein Kraftort, bei dem ich mir meine ganze Energie für die Wettkämpfe hole.‘ Wenn ich das so sagen darf, war es eine kleine Genugtuung, den Zweiflern zu zeigen, dass nicht immer nur der eine Weg für alle passen muss, sondern dass es viele verschiedene Persönlichkeiten gibt, die verschiedene Wege gehen müssen, um ihre Ziele zu erreichen.
WELT: Dazu gehören ein gutes Umfeld und Mut.
Armbruster: Ich konnte die Schule und den Sport zu Hause super verbinden. Wenn mein Schulleiter nicht gesagt hätte, dass wir das irgendwie hinbekommen, wäre es natürlich nicht möglich gewesen, denn ich habe einfach viele Fehlzeiten. Es kommt seitens der Schule aber sehr viel Akzeptanz und Verständnis. Dass ich dann auch noch tolle Trainer zu Hause habe, ohne die es natürlich auch nicht machbar wäre, ist großes Glück.
WELT: Ist Sport Ihr Ausgleich zum Schul- und Lernalltag?
Armbruster: Ich würde auf jeden Fall unterschreiben, dass Sport das Abschalten von der Schule ist. Ich freue mich immer, wenn ich spätnachmittags von der Schule komme, noch lernen muss, aber weiß, dass ich gleich zum Training gehen kann. Wohingegen ich nicht sagen würde, dass die Schule das Abschalten vom Sport ist. Wenn ich da mal herunterkommen möchte, verbringe ich Zeit mit meiner Familie, mit meinen Tieren – ich habe zwei Katzen und ein Kaninchen – oder lese ein Buch. Aber ich komme dazu leider sehr selten.
WELT: Sie machen in diesem Jahr Ihr Abitur. In welchen Fächern?
Armbruster: In Sport, Spanisch und Mathe. Ich habe meine erste Prüfung am 30. April, dann noch eine am 5. und am 9., im Juli dann mündliches Abitur. Und dazu noch die sportpraktischen Prüfungen.
WELT: Danach machen Sie drei Kreuze und konzentrieren sich erst mal voll auf den Sport?
Armbruster: Dann mache ich wirklich drei Kreuze – das reicht eigentlich gar nicht. Ich kann nicht leugnen, dass ich sehr froh bin, wenn die Schule zu Ende ist, denn dann kann ich mich einfach auf das konzentrieren, was mir wirklich Freude bereitet: der Sport. Ich möchte mir ein Jahr Auszeit nehmen, mich nur dem Sport widmen, trainieren, reisen und auch mal die Dinge tun, für die ich jetzt keine Zeit hatte.
WELT: Was schwebt Ihnen vor?
Armbruster: Mehr Zeit für meine Familie zu haben. Darauf freue ich mich sehr. Und ich würde sehr gern mal nach Island. Aber ich möchte es auch nicht allzu lange hinauszögern, ein Studium anzufangen. Ich hoffe zudem, dass ich eine Behördenstelle bei der Bundeswehr bekomme und über die Bundeswehr Grundschullehramt studieren kann.
WELT: Wie kommt es denn, dass Sie Kombinierern geworden sind und nicht zum Spezial-Langlauf oder Skispringen gegangen sind? In Ihrer Kindheit gab es da noch keine weiblichen Vorbilder.
Armbruster: Ich habe die männlichen Vorbilder im Fernsehen gesehen, besonders Johannes Rydzek, der jetzt ja mein Teamkollege ist – total verrückt. Als Kind habe ich noch gar nicht realisiert, dass es in diesem Sport keine Frauen gab, meine Vorbilder waren einfach die Jungs. Eigentlich habe ich mich auch gar nicht richtig für die Kombination entschieden – es hat sich so ergeben. Ich habe Langlauf gemacht und wurde dann gefragt, ob ich nicht mal springen möchte. Und das hat mir super viel Spaß gebracht.
WELT: Olympisch ist Ihr Sport für Frauen noch nicht. Der Kampf ist zäh, wie groß ist Ihre Hoffnung?
Armbruster: Mein Traum ist es, 2030 bei den Olympischen Spielen anzutreten. Wenn sich das IOC wieder gegen die Frauen entscheiden sollte, habe ich dafür kein Verständnis mehr. Das hatte ich schon nicht, als wir für 2026 nicht aufgenommen wurden, weil die Entscheidung meiner Meinung nach nicht auf Argumenten beruhte, sondern es traurigerweise nur um Geld ging, darum, dass wir noch nicht genügend Einschaltquoten bringen. Aber ich bin der Meinung, dass unsere Sportart in den letzten Jahren eine wahnsinnige Entwicklung gemacht hat und wir es verdient hätten, 2030 dabei zu sein.
WELT: Besagter Johannes Rydzek setzt sich als Athletensprecher dafür ein.
Armbruster: Er ist einer der Männer, die verstanden haben, dass es ohne uns Frauen für die gesamte Sportart schwierig wird und es in der Kombination nicht weitergeht. Manche haben das, glaube ich, noch nicht ganz umrissen. Es hängt für uns Frauen natürlich viel mit dran – auch Fördergelder und damit die Existenzsicherung. Olympisch zu sein, bietet einfach viele Möglichkeiten, auch zur Weiterentwicklung, zum Wachsen.
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport sowie über Themen aus dem Fitness- und Gesundheitsbereich. Hier finden Sie ihre Artikel.
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