Alles begann im Garten ihrer Eltern und ihres Großvaters. „Ich war damals drei Jahre alt und bin mit Plastikski gefahren, in die man noch mit normalen Schuhen reinging“, erinnert sich Victoria Carl an ihre ersten Versuche im Skilanglauf. Sie hatte Spaß daran. Mit dem Start der Grundschule begann sie schließlich im Verein – die Thüringerin hatte schnell gefunden, was sie bis heute erfüllt. „Wenn die Sonne über die Berge kommt, ist das herrlich. Oder wenn ich bei strahlendem Sonnenschein in einer schönen Spur laufe“, schwärmt die 29-Jährige. „Das ist das Größte für mich.“

Nun nimmt Spitzensport keine Rücksicht auf Bedingungen, Carl muss auch raus, wenn es draußen ungemütlich ist und sich andere lieber im Warmen die Decke bis unter die Nase ziehen – ihr aber ist das nur recht. „Ich mag es einfach, mich in Trainingseinheiten zu quälen, und es erfüllt mich mit Glücksgefühlen, etwas zu schaffen.“ Ihre Erfolge in den vergangenen drei Wintern zeugen davon: Das Olympiagold 2022 im Teamsprint mit Katharina Hennig war der deutsche Sensationscoup der Spiele von Peking. Kurz zuvor hatte sie schon Silber mit der Staffel gewonnen. Im vergangenen Winter gelang ihr dann der ersehnte erste Weltcupsieg – in Trondheim, an jenem Ort, wo am Mittwoch die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften beginnen.

„Ich fahre mit einem super guten Gefühl hin“, sagt sie. „Ich weiß, dass mir die Strecke liegt, wie ich sie angehen muss, wo ich etwas gutmachen kann und wo nicht. Natürlich träume ich von einer Einzelmedaille, aber mir ist auch bewusst, dass es viele Athletinnen gibt, die um die Podestplätze mitlaufen.“ 22 Jahre ist es her, dass in Evi Sachenbacher-Stehle (Skiathlon) und Claudia Nystad (Sprint) deutsche Skilangläuferinnen in einem Einzel-Wettbewerb aufs WM-Podest sprangen.

Nur an eines erinnert sie sich nach dem Sieg noch genau

Jetzt also ein neuer Versuch in Trondheim. Vor gut einem Jahr triumphierte Carl dort über zehn Kilometer im klassischen Stil. Sie hatte damals mit vielem gerechnet, auch mit einem Podestplatz, aber nicht mit dem Sieg. „Dann ganz oben zu stehen, war unfassbar“, sagt sie. So unfassbar und so kräftezehrend, dass ihre Erinnerung an jenen Tag etwas verschwommen und lückenhaft ist. „Ich hatte nach dem Sieg später im Hotel eine Art Blackout“, erzählt sie. Das Einzige, was sie noch genau weiß: „Ich habe mit meinem Papa telefoniert, und er sagte: ‚Na ja, ich dachte, das ist eh nicht deine liebste Disziplin und habe mich schlafen gelegt.‘“ Lachend ergänzt Carl: „Jetzt muss er das natürlich auch bei der WM machen.“

Hinzu kamen in der vergangenen Saison drei zweite Plätze und ein dritter Rang. In diesem Jahr stand sie bisher zweimal auf dem Podest – einmal in der freien Technik, einmal im klassischen Stil. Zuletzt vor einer Woche. „Das hat gezeigt, was ,Vicci’ leisten kann“, sagt Bundestrainer Peter Schlickenrieder optimistisch mit Blick auf Trondheim.

Vom Garten der Eltern bis zum Olympiasieg, zum ersten Weltcupsieg und den Medaillenhoffnungen für Trondheim war es ein langer und bisweilen auch zäher Weg für Carl – gespickt mit Momenten, an denen sie auch mal ans Aufhören dachte, vor allem aufgrund von Verletzungen, aber: „Generell haben mich meine Eltern dazu erzogen, nicht aufzugeben und dass man kämpfen muss, um Ziele zu erreichen.“

Carl nimmt sich das zu Herzen. Nicht ohne Grund sagt Schlickenrieder über die 29-Jährige, sie zeichne ein besonders großer Wille aus. „Wenn ich etwas mache, dann mit 100 oder 110 Prozent“, sagt Carl. Darunter geht es bei ihr nicht, egal, ob im Training oder Wettkampf.

Carl versetzt sich zurück an den Tag des Gold-Coups

Diese 110 Prozent holte sie auch am Ende des olympischen Teamsprints in Peking aus sich heraus. Auf der Gegengeraden der Zielgerade lag Carl an Position drei und lauerte. „Ich bin schön in den Windschatten gegangen – wir wussten, dass es in Peking sehr windig ist und man so lange wie möglich hinter den anderen Athleten bleiben sollte, um dann mit einem Mal zu beschleunigen und vorbeizuziehen“, erzählt sie.

Und weiter: „Ich habe dann in der Kurve gemerkt, dass ich noch am meisten Körner habe, musste mir in dem Moment selbst sagen: ‚Noch nicht, noch nicht!‘ Dann habe ich auf der Zielgeraden nur noch geschoben, was das Zeug hält.“ Meter für Meter wurde die Sensation greifbarer, das olympische Gold, mit dem niemand gerechnet hatte. Im Ziel fielen sich Carl und Hennig in die Arme.

Bis heute kann Carl ihre Emotionen kaum beschreiben. „Es war so mega überraschend“, sagt sie. „Erst, als ich mich ein kleines bisschen erholt hatte, habe ich im Ansatz begriffen, was wir geschafft haben.“ Der Olympiasieg, so sagt sie, gibt ihr bis heute „eine gewisse Ruhe und Kraft“.

Melanie Haack ist Sport-Redakteurin. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport sowie über Themen aus dem Fitness- und Gesundheitsbereich. Hier finden Sie ihre Artikel.

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